Ohne feste Reiseroute vertraute ich erstmal einem Freund und flog mit ihm nach Brasilien. Drei Tage später lernte ich zu Silvester an der Copacabana eine Brasilianerin kennen. Zwei Wochen später lernte ich Portugisisch und zog zu ihr – in eine Miniwohnung in einer Favela, mitten in Rio, 265 Treppenstufen über der Stadt. Inklusive bewaffneter Wachposten, streunender Hunde und brasilianischen Funk-Bässen in den verwinkelten Gassen. Und genau dort passierte etwas, das mein Weltbild komplett auf den Kopf stellte. Ich traf Menschen, die objektiv viel weniger hatten als wir in Europa und trotzdem irgendwie lebendiger, freier und zufriedener wirkten. Menschen, die trotz schwieriger Umstände eine Gelassenheit, Zuversicht und Lebensfreude ausstrahlten, die ich so überhaupt nicht kannte. Während wir uns in der Heimat oft durch den Alltag hetzen, starr irgendwelchen Plänen folgen, uns ständig optimieren und gegen alle möglichen Risiken absichern, machten sich die Menschen dort kaum Sorgen um Morgen oder Übermorgen.
Sie lebten einfach – im Hier und Jetzt – und genossen das Leben, wo sie nur konnten.
Ganz nach Senecas „Wer wenig begehrt, ist reich“ gab es keine großen Pläne. Keine übermächtigen Lebensziele. Kein ständiges Streben nach mehr. Man arrangierte sich mit dem, was da war. Und vermisste erstaunlich wenig. Fehlte etwas, fragte man den Nachbarn. Kein Strom? Dann eben Kerzen. Kein Wasser? Dann eben 20-Liter-Gallonen aus dem Supermarkt. Für jedes Problem gab es eine Lösung und – jeder half jedem. Das war für jemanden, der wenige Wochen zuvor noch in seiner geschniegelten, mit italienischen Designermöbeln ausgestatteten Zürcher Wohnung saß und keinen einzigen Nachbarn mit Namen kannte, gleichermaßen beeindruckend wie verstörend. Es passte einfach nicht in mein Weltbild. Wir Europäer haben fast alles. Und trotzdem scheint es nie genug zu sein. Wir leben im Überfluss und verhalten uns oft so, als stünde der Weltuntergang vor der Tür. Dort schien man etwas verstanden zu haben: Dass Vertrauen in das Leben, Gelassenheit gegenüber dem, was kommt, und die Fähigkeit, mit wenig zufrieden zu sein, wertvoller sind als das ständige Streben nach mehr. Mehr Sicherheit. Mehr Erfolg. Mehr Status. Noch mehr Geld.
Diese Zeit hat mich tief verändert. Und wenn ich doch einmal typisch deutsch unterwegs war, und mir wegen irgendwelcher Kleinigkeiten Sorgen machte, erinnerte mich meine brasilianische Freundin einfach daran, dass ich gesund war, ein Dach über dem Kopf hatte, genug zu essen, Freunde, Familie und obendrein noch eine Menge Geld. Und dann stellte sie mir eine Frage, die mich bis heute begleitet: „Welche echten Probleme hast du eigentlich jetzt, in diesem Moment?“